FUTUR 2 FESTIVAL: Neuland in Sachen Energie

Sie sind erschöpft, aber glücklich. Björn Hansen (Morgenwelt) und Jochen Bader (Hejmo GmbH), die Veranstalter des FUTUR 2 FESTIVALS, haben selber viel Energie in dieses Festival investiert, das ganz im Zeichen des Themas Energie stand. Das Ziel war ehrgeizig: Deutschlands erste energieautarke Großveranstaltung wollten die beiden auf die Beine stellen, nur mit Sonne und Muskelkraft betrieben. Nach der Premiere am 26. Mai 2018 im Hamburger Elbpark Entenwerder stellen die beiden beim Gespräch mit unserer #moinzukunft-Redaktion fest: Es hat geklappt!

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Ein Bauchgefühl für Strom entwickeln

Dass die Energie im Mittelpunkt des Festivals stand, war den Organisatoren ein wichtiges Anliegen und hat auch die Hamburger Umweltbehörde sofort von der Idee überzeugt, die das Festival finanziell und organisatorisch unterstützte. Für Björn Hansen steckte hinter dem Festival aber noch viel mehr: „Strom ist eine Größe, die man überhaupt nicht greifen kann. Niemand weiß, wie viel er davon verbraucht. Wie soll man also mit der Ressource Strom bewusst und sparsam umgehen, wenn man kein Bauchgefühl dafür hat?“

Dieses Bauchgefühl konnte man auf dem FUTUR 2 FESTIVAL spüren. Für die „pedalpower“-Bühne wurde der Strom von Besucherinnen und Besuchern erzeugt, die auf Fahrrädern strampelten. Der Clou dabei: Je mehr Strom benötigt wurde, desto höher war der Trittwiderstand auf den Fahrrädern. Verwendet wurde herkömmliche Bühnentechnik, allerdings ohne extreme Lichteffekte.

Die Energieleistung im Vorfeld abzuschätzen und die Technik daraufhin auszurichten, war die größte Herausforderung. Denn normalerweise macht sich vor einem Festival niemand Gedanken, wie viel Strom tatsächlich benötigt wird. Oft wird die Energieleistung völlig überdimensioniert, bis zum 10- oder 15fachen der benötigten Leistung. Um das FUTUR 2 FESTIVAL nur mit Solarenergie und Muskelkraft versorgen zu können, brauchte es realistische Größen.  Nur wusste im Vorfeld niemand, wie das Wetter wird, wie viele Menschen kommen und ob diese auch Lust haben, selber Strom zu erzeugen.

Für Ole Hering, den technischen Leiter, bedeutete das lange und intensive Planungsarbeit: „Aber es ist ja alles logisch, was wir gemacht haben – das ist angewandte Technik. Die Technologie ist vorhanden, die Denke muss nur noch dahinkommen.“ So wurde beispielsweise zur Speicherung der Solarenergie der Akku aus einem Elektroauto verwendet. Ein bisschen angepasst werden musste die Technik dennoch: Für ein Festival muss alles gut zu transportieren und aufzubauen sein.

Aber die Planung ist aufgegangen, auch wenn das Hamburger Wetter eine ungewöhnliche Rolle gespielt hat. Dank der hochsommerlichen Temperaturen um die 30 Grad war es zu Beginn zum Fahrradfahren  zu heiß, so dass bis zum späten Nachmittag die Sonne den Strom geliefert hat. Für Ole Hering zeigte das hervorragend, wie sich erneuerbare Energien ergänzen: „Bei Hitze war es für die Menschen unerträglich, Fahrrad zu fahren – aber die Solaranlage fühlte sich total wohl und hätte zu viel Energie produziert, die wir am Ende gar nicht genutzt hätten. Also, warum sollten wir nicht unsere Ressourcen, die Kraft der Menschen, für die Dunkelheit schonen und dann in die Pedale treten?“

Die Sonne hat auch dazu geführt, dass die Kühlschränke ordentlich arbeiten mussten. Das ständige Öffnen der Kühlschranktüren und das Nachlegen der Getränke brauchte viel Energie. Am Energieverbrauch kann man deshalb gut ablesen, wann das Festival am besten besucht war. Energetisch war die Gastronomie eine Herausforderung: Wenn beispielsweise die Kühlschränke anlaufen, haben sie einen deutlich höheren Verbrauch – sie wurden folglich nicht alle gleichzeitig angeschlossen, um unnötige Energiespitzen zu vermeiden.

Insgesamt wurden bei dem FUTUR 2 FESTIVAL nur 78 Kilowattstunden Strom verbraucht – das ist ein Bruchteil dessen, was sonst auf Festivals benötigt wurde. Zum Vergleich: Für eine herkömmliche Festivalbühne wird eine Leistung von 8 KW aufgebaut. Das entspricht in etwa der Leistung von 80 Fahrradfahrern. Für die Bühne im Elbpark Entenwerder reichten fünf bis zehn Fahrradfahrer.

Nur eine Papierserviette Müll pro Besucher

Aber nicht nur die Energie war ein Thema bei diesem Festival. Auch die bei Festivals sonst so großen Müllberge wollten die Veranstalter vermeiden. Am Ende des Tages waren nur 150 kg an Müll zu entsorgen: „Das entspricht nicht mal einem Prozent des Mülls, den man sonst auf Festival hat!“ Ein Ergebnis, auf das Björn Hansen zurecht stolz ist. Umgerechnet auf die rund 5.000 Festivalbesucher bedeutet das 30 Gramm pro Kopf. Das ist gerade mal eine Papierserviette. Gelungen ist das vor allem dank Mehrweg-Geschirr. Denn auch an dieser Stelle haben die Veranstalter dazugelernt: Recyclebare Teller sind zwar theoretisch kompostierbar, werden am Ende aber trotzdem verbrannt. Warum? Weil die Prozesszeiten in der industriellen Entsorgung so kurz sind, dass alles, was nicht innerhalb einer bestimmten Zeit verfallen ist, verbrannt wird.

Nachmachen erwünscht!

Ein gelungenes Festival und viele interessante Erkenntnisse – die Organisatoren wollen das Konzept verfeinern und weiter austesten. Und auch in die Veranstalter-Szene ist schon Bewegung gekommen: „Es gibt schon jetzt konkrete Anfragen, dieses Konzept auf andere Festivals zu übertragen.“, so Björn Hansen.

Für ihn ist das alles eine Frage des Willens, des Know-Hows und der Risikobereitschaft. „Wir haben Dinge ausprobiert, Beweise angetreten, dass es gehen kann. Dabei haben wir auch einkalkuliert, dass Dinge scheitern können. Wenn man Neuland betritt, kann man sich auf keine Karte verlassen. Aber es ist aufgegangen.“

Über das FUTUR 2 FESTIVAL

Am 26. Mai 2018 fand im Elbpark Entenwerder in Hamburg das FUTUR 2 FESTIVAL statt: Das erste energieautarke Festival dieser Größenordnung in Deutschland, unterstützt von der Hamburger Umweltbehörde. Auf zwei Bühnen, eine versorgt durch Muskelkraft, eine durch Solarstrom, gab es mehr als ein Dutzend Acts zu sehen. Die rund 5.000 Besucherinnen und Besucher feierten von mittags bis in die frühen Morgenstunden. Ab 22 Uhr wurde die Musik über Kopfhörer übertragen, so dass dem Feiern keine Grenzen gesetzt waren. Neben dem Thema Energie waren auch die Vermeidung von Abfall, eine umweltfreundliche Logistik und Anreise der Besucherinnen und Besucher Teil des Festivalkonzepts.

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