RadfahrerInnen, schaut auf diese Stadt!

Die MA2 der Stadtteilschule Maretstraße in Kopenhagen

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RadfahrerInnen, schaut auf diese Stadt!

„Vorsicht, Fahrrad!“ so ertönt mehrfach ein schriller Warnruf, auch ergänzt durch ein „runter vom Radweg!“ Wir sind in Kopenhagen. Mitten im neu gestalteten Park „Superkilen“ im Stadtteil Nørrebro. Es dämmert – wir sind gerade angekommen. Aber der Reihe nach: „wir“ sind die Klasse MA2 der Stadtteilschule Maretstraße aus Hamburg-Harburg, Lehrerin Friederike Brandt, Lehrer Sven Weidner sowie meine Person, Jürgen Becker (TUTECH) als Reisebegleiter und Organisator. Die Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren haben mit ihrer Untersuchung des eigenen Schulgeländes den „moinzukunft-Klimawettbewerb“ für Hamburger Schulen gewonnen. Und der erste Preis ist dieser Wochenendaufenthalt in Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks, in der doch (so haben wir gehört) so vieles in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit gut gelingt. Um das herauszufinden sind wir hier.

Zurück in den coolen Park „Superkilen“: ungefähr einen halben Kilometer lang ist dieser Grünstreifen am Rande der Kopenhagener City im Multikulti-Stadtteil Nørrebro, direkt neben dem Hostel, in dem wir untergekommen sind. Drei Bereiche hat er: den Roten Platz (auf dem man das Stadtleben mit Cafés, Musik und Sport genießen kann), den Schwarzen Markt mit Springbrunnen und Bänken und den Grünen Park für Picknick und Bewegung. Das besondere aber: in allen Bereichen wimmelt es von Geräten und Objekten, die irgendwie zusammengesammelt erscheinen. Straßenlampen aus Norditalien, Bänke aus Lissabon oder Tunesien, Mülleimer aus England, Leuchtreklamen aus den USA, Moskau und Taiwan. Über 100 Objekte aus mehr als 50 Nationen aus aller Welt. Die Idee dahinter ist so einfach und genial: die Planer und Künstler haben die Anwohner gefragt, was typisch für sie ist und was sie an ihre Heimat erinnert. Und man hat es umgesetzt. Sogar extra echten Boden aus Palästina geholt, oder einen Boxring aus Bangkok. Unser Lieblingsobjekt ist die große Schiffschaukel aus Bagdad. Sport oder Entspannung, je nachdem wie wir sie in Gang bringen! Ein Park, der für alle etwas bietet und einfach Aufmerksamkeit erregt – eine lohnende Investition in den öffentlichen Raum! Eine tolle App liefert Erläuterungen zu allen installierten Alltagsobjekten. Dass hier nicht alles easy ist, erleben wir zu späterer Stunde, als Jugendliche Autoreifen abfackeln und dadurch sogar den Belag des Radweges beschädigen. Unnötig!

Ach ja, der Radweg! Es ist nicht nur ein Weg, es ist eine regelrechte Rad-Schnellstraße, die den Park durchzieht und von Einheimischen am späten Freitag-Nachmittag intensiv genutzt wird. Feierabendverkehr offensichtlich. Wir müssen uns dran gewöhnen und registrieren erst nach drei Beinahe-Unfällen, dass wir den Radverkehr ernst nehmen müssen! Da nichts passiert ist, ist dies eine gute Lektion, die uns bei der eigenen Radtour am nächsten Tag sehr hilft. Die Einheimischen waren bei den durch uns ausgelösten Beinahe-Unfällen übrigens sehr entspannt. Kein Meckern oder Schimpfen; das „runter vom Radweg“ kam von unserem besorgten Lehrer, die Kopenhagener hatten uns wohl als Touristen erkannt, die noch dazulernen müssen… Chantals Meinung zum Park: „Ich finde den großen Park mit den drei unterschiedlichen Abschnitten cool, da es dort für jeden etwas gibt. Die Fahrradstraßen sind faszinierend, es gibt mehr Fahrrad- als Autofahrer."

Der nächste Tag ist wolkenverhangen, aber immerhin bleibt es trocken. Das hebt die Stimmung für die fast dreistündige Radtour mit unseren beiden dänischen Guides Eva und Mariella, die beide hervorragend Deutsch sprechen und uns vieles erläutern zu Bauten, Umwelt, Leben und – na klar – Radfahren in Kopenhagen. Los geht’s beim Fahrradverleih Baisikeli. Sehr nette Leute versorgen uns mit individuell angepassten Fahrrädern. Zudem ist Baisikeli auch noch sozial engagiert, denn sie arbeiten mit einem Projekt in Mosambik (Afrika) zusammen und fördern dort das Radfahren (wichtiges Transportmittel!).

Wir starten und erleben eine andere Dimension des Radfahrens in einer Großstadt. Von Hamburg sind wir schlechte Radwege gewöhnt und das gefährliche Fahren direkt neben schnell fahrenden, häufig rücksichtslosen Autofahrern. Was uns hier begegnet ist so fundamental anders! Überall breite Radwege, häufig als sogenannte Hochbordradwege, durch Bordsteine sowohl vom Autoverkehr als auch von den Fußgängern getrennt. Radler fahren rechts von parkenden Autos, so dass die Gefahr durch öffnende Fahrertüren geringer ist. Und für unsere Verhältnisse sind viele Radfahrer unterwegs, obwohl es Samstag ist. Den großen Andrang, der an Werktagen in der Woche herrscht, erleben wir nicht. Dennoch lernen wir schnell die hier üblichen Verhaltensregeln: Kopenhagener heben den rechten Arm, bevor sie anhalten. Das verhindert Auffahrunfälle. Überholt wird nur links, städtische „Kampfradler“ treffen wir nicht, es wird insgesamt sehr rücksichtsvoll miteinander umgegangen. Die Beläge der Radwege und -straßen sind modern, gepflegt und glatt. Wir gleiten dahin, es macht einfach Spaß. „Im Winter werden die Radwege als erstes geräumt“ versichert uns Eva. Aus Hamburg kennen wir das anders.

Welche Wertschätzung das Radfahren erhält, sehen wir z.B. auch an den speziellen Mülleimern für Radfahrer oder der Tatsache, dass Fahrräder an vielbefahrenen Kreuzungen häufig weiter vorfahren dürfen als Autos und somit die Gefahr, von abbiegenden Pkw-Fahrern übersehen zu werden, entscheidend verringert wird. „Fast 50% aller Fahrten zur Arbeit und zur Ausbildung werden mit dem Fahrrad zurückgelegt,“ berichtet Mariella. Wir glauben das gern – bei den Bedingungen! Und noch ein paar Zahlen machen den Unterschied deutlich zwischen Hamburg und Kopenhagen. Bei uns beträgt der Anteil des Radverkehrs am städtischen Gesamtverkehr ca. 15 % (im Bezirk Harburg sogar nur 8 %), in Kopenhagen 29 %. In der dänischen Hauptstadt werden pro Einwohner jährlich etwa 36 Euro in den Radverkehr investiert, in unserer Heimatstadt nur 2,90 Euro. Auch das statistisch ermittelte Risiko für einen Unfall mit dem Fahrrad ist in Hamburg 13mal höher! Spaß, Sicherheit und Wertschätzung: dies alles macht Radfahren in Kopenhagen aus.

Nachdem wir durch den südlichen Hafenbereich geradelt sind und einen Eindruck bekommen haben, wie viele Wohnungen hier auf ehemaligen Hafenflächen gebaut werden (wir müssen immer wieder an die HafenCity in Hamburg denken), bewegen wir uns auf abgetrennten Radwegen am Wasser entlang in Richtung Innenstadt. Hin und wieder sehen wir Einheimische, die bei diesen doch recht kühlen November-Temperaturen in den Hafenbecken schwimmen gehen. Cool! Die Wasserqualität lässt es zu und die Kopenhagener tun es auch. Was hier im Sommer los sein mag, das erahnen wir an der Größe der hier und da eingerichteten Badestellen. Mitten in der Stadt. Zitat Mitra: „Mir gefällt die Stadt Kopenhagen sehr, weil die Behörden sehr interessante Ideen haben und diese auch umsetzen. Zum Beispiel, dass es Schwimmbäder draußen (zwischen den Häusern) gibt oder dass Fahrradfahrer mehr Platz auf der Straße haben als die Autofahrer." Rustan ergänzt: „Toll, dass das Wasser hier in den Hafenbecken so sauber ist!“

Highlights beim Radfahren sind immer wieder die vielen Fahrrad- und Fußgängerbrücken, die einfach Spaß machen. „Cykelslangen, Cirkelbroen, Butterfly Bridge oder auch die gerade fertig gestellte Inner Harbour Bridge („Kissing Bridge“), die auch die touristischen Ziele Christiana und Nyhavn miteinander verbindet. Sie alle geben den Radfahrerinnen und Radfahrern ein gutes, erhabenes Gefühl. Die Inner Harbour Bridge wurde von den Kopenhagenern zwischenzeitlich aufgrund erheblicher Bauverzögerung schon als „Missing Bridge“ bezeichnet.

Wir halten auf der Kissing Bridge und sehen rechts das markante Bauwerk der neuen Oper und links den Black Diamond (Royal Library). In etwas weiterer Entfernung erkennen wir die neue Müllverbrennungsanlage Amager Bakke. Bei der Müllverbrennung wird Wärme und Strom erzeugt und somit werden über 100.000 Haushalte in Kopenhagen versorgt, denn fast alle Haushalte der Stadt sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage befindet sich eine viel beachtete Skipiste! Überhaupt ist die Energieproduktion ein zentraler Teil des Klimaplans von Kopenhagen. Bis 2025 will die Stadt klimaneutral aufgestellt sein. Windräder rund um Kopenhagen liefern einen Großteil der benötigten Energie, und zwar saubere Energie. Von Mariella erfahren wir noch, dass im letzten Jahr mehr als 400 Delegationen aus Europa, China und Amerika hier in Kopenhagen waren, um von der vorbildlichen Stadtplanung zu lernen.

Leider zu weit entfernt für unsere Fahrradtour liegt das neue Viertel „Nordhavn“. Hier könnten wir sehen, wie nachhaltige Stadtplanung umgesetzt wird mit Klimaschutz an Gebäuden, z.B. durch intelligente Fassaden. Ein Paradebeispiel für nachhaltige öffentliche Gebäude ist dort die 2018 eröffnete „International School“ für 1200 Schülerinnen und Schüler. Der ambitionierte Neubau liegt exponiert am Hafenbecken und deckt mit seiner spektakulären Photovoltaik-Fassade mehr als 50 Prozent des Strombedarfs. Wir hatten leider auch keine Zeit mehr, uns „Nørreport Station“ anzuschauen, den am stärksten ausgelasteten Bahnhof Dänemarks (Umsteigebahnhof für viele Berufspendler) etwas nördlich vom Hauptbahnhof. Der Bahnhof wirkt mit seinen organisch geformten Bereichen und hellen Pavillons sehr einladend für die ungezählten Radfahrer und Fußgänger. Die 2500 Fahrrad-Stellplätze sind um 40 Zentimeter abgesenkt und entfalten somit eine besondere Raumwirkung. Abends sorgen kleine Lichter an den Stellplätzen dafür, dass man sein Rad auch findet und zudem erzeugen sie ein schimmerndes Lichtermeer – ein Sinnbild der Fahrrad-Kultur. Die abschließende Bewertung von Ali: „Die Fahrradtour war schön. Man hat gesehen, wie viele Vorteile Fahrradfahrer haben und wie viel weniger Autos es im Gegensatz zu Deutschland gibt."

Die restliche Zeit des Tages verbrachten wir mit Schlendern durch die Haupteinkaufsstraßen (u.a. Strøget) und durch das Nyhavn-Viertel. Beeindruckend waren auch immer wieder die schnellen Fahrten mit der sehr modernen unterirdischen Metro, die sich ohne Fahrer ferngesteuert und sehr zuverlässig durch die Tunnel bewegt. Die Sitzplätze ganz vorn sind begehrt, fühlt man sich dort doch ein bisschen als Fahrer durch die Unterwelt.

Am Sonntag, dem letzten Tag unseres Trips, blieb uns noch etwas Zeit für die touristischen Höhepunkte. Dabei durfte natürlich ein Besuch der kleinen Meerjungfrau ebenso fehlen wie das Miterleben des Wachwechsels bei Königin Margarethe II im Schloß Amalienborg. Durchaus imposant und beeindruckend dieses halbstündige Schauspiel und irgendwie scheint die lange monarchische Tradition doch auch identitätsstiftend für das dänische Volk zu sein. Nachmittags begeben wir uns auf den Rückweg mit der Bahn, die den Weg über die Ostsee im Bauch einer Fähre verbringt. Für viele von uns noch eine neue Erfahrung, die wir zum Glück noch machen durften, denn wie wir erfahren wird diese kombinierte Bahn-Fähre-Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen demnächst eingestellt. Schade eigentlich. Wir erleben noch einmal einen fast vollen Vollmond, der die sanften Ostseewellen in Silberglanz taucht.

Was nehmen wir mit aus Kopenhagen? Es ist nach unserem Eindruck eine Stadt von hoher Lebens- und Aufenthaltsqualität. Viele Plätze sind aufwendig und schön gestaltet, es gibt viele Bewegungsmöglichkeiten. Das Radfahren in vielen Teilen der Stadt ist attraktiv, sicher und ein Ausdruck von positiver Lebenseinstellung. Der öffentliche Nahverkehr ist effizient. Die Luft wird besser, die Menschen tun etwas für ihre Gesundheit, die Dominanz des Autos (so wie wir sie aus unseren Städten kennen) ist hier zwar noch nicht gebrochen, aber aufgeweicht. Jede vierte Familie in Kopenhagen hat ein Lastenfahrrad. Und alle Verkehrsteilnehmer sind soooo entspannt – auch die Autofahrer. Nur die vielen Plastikverpackungen im Hostel zeigten uns, dass bei dieser Zukunftsherausforderung auch in Kopenhagen noch sehr viel Luft nach oben ist. Aus unserem anfänglichen „Vorsicht, Fahrrad!“ ist längst ein „toll, die vielen Fahrräder!“ geworden. Unser Dank geht an die Hamburger Umweltbehörde und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der #moinzukunft-Plattform, die sich diesen tollen ersten Preis ausgedacht haben!

Abschließend noch zwei Schülerzitate, die unseren Wochenendtrip ganz gut zusammenfassen. „Mir hat gut gefallen, dass ich viele neue Sachen sehen konnte, wie z.B. eine Fahrradstraße, die größer ist als die von den Autos. Und mir hat gefallen, wie sauber die Stadt war“, sagt Eserkiel. Und Albert ergänzt: „Ich finde, dass Kopenhagen eine sehr große und wunderschöne Stadt ist. Die Architektur ist bezaubernd. Auf der einen Seite haben wir sehr alte Gebäude und auf der anderen gibt es moderne Gebäude, die aussehen, als wären sie aus der Zukunft."

Text: Jürgen Becker (TUTECH INNOVATION GMBH) in Abstimmung mit den SchülerInnen und LehrerInnen der STS Maretstraße